Franz Beer II. wurde am 1. April 1660 in Au im Bregenzerwald geboren – in eine Familie, in der das Bauhandwerk nicht nur Beruf, sondern soziale Praxis und ökonomische Überlebensstrategie war. Sein Vater, Michael Beer, gehörte zu den frühen prägenden Figuren der Auer Zunft und wird sogar als Gründer genannt. Die Geburt Franz’ stand jedoch unter einem dunklen Vorzeichen: Seine Mutter starb im Kindbett, der Vater folgte sechs Jahre später infolge eines Unfalls. Nach dem Tod des Vaters heiratet seine Stiefmutter den Bezauer Leopold Feurstein. Der Knabe wuchs fortan in einem Geflecht aus Stief- und Verwandtschaftsbeziehungen auf, das ihn eng an jene Familien band, die später zu den prägenden Baumeisterdynastien des Bregenzerwaldes zählen sollten.
Mit siebzehn Jahren trat Franz Beer in die Lehre bei seinem Vetter Michael Thumb ein. Diese Lehre war keine schulische Ausbildung im modernen Sinn, sondern eine harte, mobile Praxis auf Baustellen, ergänzt durch elementare Kenntnisse der Geometrie, der Bautechnik und des zeichnerischen Entwerfens. Bereits wenige Jahre später, noch kaum selbst der Lehre entwachsen, begegnet man Beer als Polier – ein außergewöhnlich früher Karriereschritt, der auf organisatorisches Geschick und ausgeprägten Ehrgeiz verweist. Um 1682 ist er auf der Baustelle des Klosters Mariaberg nachweisbar, wo er im Auftrag seines früheren Lehrmeisters Thumb die Maurer anführt.
Dort ereignet sich ein Vorgang, der Beers weiteren Lebensweg entscheidend prägen sollte. In Abwesenheit des Meisters entwirft Beer in Absprache mit dem Konvent einen neuen Plan für die Kirche. Die Nonnen akzeptieren diesen Entwurf und erst nachträglich erfährt Thumb von der Änderung. Da die Verträge mit den Baumeistern jeweils nur für ein Jahr abgeschlossen wurden, war dieser Schritt zumindest formalrechtlich gedeckt. Im weiteren Verlauf experimentiert Beer mit einer neuen Vertragsstrategie, indem er einen Fixbetrag für die gesamte Fertigstellung der Klosterkirche verlangt. Der Vorgang markiert Beers Übergang vom abhängigen Polier zum selbständigen Baumeister – begleitet von Konflikt, Aushandlung und institutioneller Pragmatik.
In dieser Lebensphase lernt Beer seine erste Frau Katharina Eberlin aus Saulgau kennen, die er im Frühling des Jahres 1687 in ihrer Heimatstadt heiratet. Aus dieser Ehe gehen zahlreiche Kinder hervor, anhand derer Taufeinträge die Wohnorte des Vaters nachvollzogen werden können. Es ist anzunehmen, dass die Familie Franz Beer II. zunächst noch in der Heimat der Mutter wohnte, bevor sie bei Geburt des dritten Kindes in den Bregenzerwald zurückkehren. Nach einer Phase in Andelsbuch wird Bezau für mindestens neun weitere Jahre zum Wohnsitz der gewachsenen Großfamilie.
In diesen Jahren etabliert sich Beer rasch als einer der gefragtesten Bauunternehmer Süddeutschlands und der Schweiz. Er arbeitet für Benediktiner, Zisterzienser und Prämonstratenser, häufig parallel an mehreren Großprojekten. Dabei agiert er weniger als gelehrter Theoretiker denn als pragmatischer Unternehmer, der Entwurf, Bauleitung, Vertragswesen und Personalorganisation zusammenführt. Seine Baustellen folgen einem klaren Prinzip: Die eigentlichen Maurerarbeiten liegen in seiner Verantwortung, während Materialbeschaffung und Spezialgewerke getrennt vergeben werden. Diese Organisation erlaubt es ihm, mehrere Großbauten gleichzeitig zu betreuen, ohne dauerhaft vor Ort zu sein – etwa in Rheinau, wo er 1704 binnen weniger Wochen die Planungen abschließt, die Verträge fixiert und anschließend die Ausführung seinen Polieren überlässt.
Im Jahr 1703 erleidet Franz Beer einen weiteren persönlichen Schicksalsschlag. Seine Frau Katharina, Mutter von insgesamt elf Kindern, stirbt. Begraben wird sie in Bezau, wo viele Jahre später ihr Grabstein in einem Privathaus entdeckt wird. Heute kann man ihn in unserem Museum betrachten.
Architektonisch erweist sich Beer als lernwillig. Seine Frühwerke zeigen eine ausgeprägte Bereitschaft, fremde Anregungen aufzunehmen und schrittweise in eine Weiterentwicklung der aus Obermarchtal hervorgegangenen Baupraxis einzubringen. Ab etwa 1705 tritt eine intensivere Auseinandersetzung mit neuen Raumkonzepten hinzu. Unter dem nachhaltigen Eindruck der Salzburger Kollegienkirche Johann Bernhard Fischers von Erlach setzt sich Beer verstärkt mit der Zentralisierung des barocken Langbaus auseinander. Zugleich verarbeitet er italienische Einflüsse, insbesondere vermittelt durch Andrea Pozzos Traktate und die Mailänder Jesuitenkirche San Fedele. Diese Vorbilder werden jedoch nicht kopiert, sondern in Grund- und Aufriss eigenständig transformiert, rhythmisiert und an klösterliche Bauaufgaben angepasst. Auch die bausachverständigen Mönche haben zu dem praktischen Wissen des Baumeisters beigetragen, um insbesondere die Eigenheiten der Klöster in den Abläufen und Raumanordnungen zu kennen.
Charakteristisch für Beer ist weniger eine lineare Stilentwicklung als ein prozessuales Vorgehen. Er erprobt Motive, verwirft sie wieder und integriert sie in späteren Projekten in reiferer Form. So steht der groß dimensionierte, in Teilen altertümlich wirkende Bau von St. Urban jenen Werken gegenüber, in denen Beer seine neuen Raum- und Lichtkonzepte schrittweise zusammenführt – über Weingarten bis hin zu Weißenau. Dort verbinden sich Zentralisierung, Rhythmisierung und eine spezifisch „vorarlbergische Lichtführung“ erstmals zu einer geschlossenen Gesamtkomposition. In der Forschung wird häufig darauf hingewiesen, dass Beer nach den Erfahrungen von St. Urban keine vergleichbar riskanten Großbauten mehr verfolgt und architektonische Ambition zunehmend an unternehmerische Kalkulierbarkeit bindet.
In dieser Phase gewinnt auch die Zusammenarbeit mit seinem Schwiegersohn Peter Thumb an Bedeutung. Schon vor dessen Heirat mit Beers Tochter Anna Maria tritt Peter Thumb wiederholt als zeichnender Mitarbeiter in Erscheinung, insbesondere bei Entwurfs- und Ausführungsplänen, und wird schließlich zum wichtigsten Mitarbeiter Beers. Für Projekte wie Solothurn ist anzunehmen, dass Beer die konzeptionelle und organisatorische Leitung innehatte, während Peter Thumb als erfahrener Maurer und Polier zeichnerisch unterstützte. Die Arbeitsteilung verweist auf Beers Fähigkeit, familiäre Netzwerke gezielt in seine Baupraxis einzubinden und Verantwortung zu delegieren.
Parallel zu seiner Bautätigkeit betreibt Beer konsequent sozialen Aufstieg. Rund zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Katharina verlagert er seinen Lebensmittelpunkt zunehmend nach Konstanz, wo er erneut heiratet und sich schrittweise in den städtischen Eliten etabliert. 1717 wird er Mitglied des Großen Rates, 1722 des Inneren Rates. Im selben Jahr erreicht sein gesellschaftliches Streben einen symbolischen Höhepunkt: Kaiser Karl VI. erhebt ihn in den Adelsstand und verleiht ihm das Prädikat „Edler von Blaichten“. Der Name verweist auf eine Alp im Mellental, die Beer bereits Jahre zuvor erworben hatte – Grundbesitz und Adelstitel verschränken sich hier zu einem sichtbaren Zeichen sozialer Etablierung.
Trotz dieser Integration in die städtische Oberschicht bleibt Beer dem Bregenzerwald eng verbunden. Er rekrutiert seine Bautrupps weiterhin aus der Auer Zunft, engagiert sich in deren institutioneller Neuordnung und setzt sich gemeinsam mit Christian Thumb für die Aufnahme in die Innsbrucker Lade ein, um rechtliche Anerkennung und ein gültiges Zunftsiegel zu erlangen. Noch im hohen Alter wirkt er lokal: Als geadelter Baumeister gehört er zu den Stiftern der ersten öffentlichen Schule in Bezau – Jahrzehnte vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht.
Franz Beer stirbt am 21. Januar 1726 im Alter von 65 Jahren in Bezau. Obwohl die Pfarrchronik auch sein Begräbnis in Bezau dokumentiert, fehlt bis heute jede Spur seines Grabes. Sein Werk ist das umfangreichste aller Vorarlberger Baumeister, geografisch weit gestreut und stilistisch vielgestaltig. Lange Zeit zwischen Genie und Nachahmer schwankend beurteilt, erweist sich sein Œuvre heute als Ausdruck einer spezifischen Baupraxis um 1700: nicht die Tat eines isolierten Künstlers, sondern das Resultat eines Handwerkers, Unternehmers und sozialen Akteurs, der Tradition nicht als Hemmnis, sondern als Grundlage für immer neue, zeitgemäße Lösungen verstand.